roter Teppich Körper als Ressource

Von Frauengold & Häkeldeckchen

und dem Sprung auf den roten Teppich

Es lag im Schrank, in aller Unschuld. Und das seit Jahren. Ein Häkeldeckchen. Vielleicht war es auch geklöppelt. So kleinfuzzelig. So viel Mühe, denke ich, und unentlohnte Zeit.
Vor Jahren habe ich Tischdecken mit aufwändigen Stickereien und geklöppelten Spitzen geerbt, die ich schön finde, nur vor dem Bügeln graut mir. Für die kleinen Häkeldeckchen hatte ich jedoch keine Verwendung und habe sie entsorgt – bis auf dieses eine, das sich meiner Entrümpelungsbemühung entzogen hatte.

Und während ich nun dieses Deckchen betrachte, kommt mir in den Sinn, was mich bei der Recherche über die Geschichte des Gehens verblüfft hat: Frauen, die etwas auf sich hielten, verließen noch bis vor ca. 120 Jahren das Haus nur in Begleitung einer Anstandsdame, und um nicht des Müßiggangs beschuldigt zu werden mit einem Handarbeitsbeutel bewaffnet. Stell dir das mal vor!

Häkeldeckchen säumen meinen Weg. Vor ein paar Jahren war ich auf Kuba. Den Frauen der Zuckerrohrbarone war es für Spaziergänge ohnehin zu heiß, sie verließen die Insel während der heißen Monate gen Europa und erwarben von Tiffanylampen über Meißner Porzellan und edlen Vorhangstoffen alles, um ihre Paläste schmucker einzurichten. Einzig für die Häkeldeckchen waren sie selbst zuständig.

Häkeldeckchen sind passé? Wenn wir uns da mal nicht irren.

Die Modernisierung brachte unseren Urgroßmüttern, Omas und Müttern Fortschritt und Freiheit. Die reicheren Frauen begannen Tennis zu spielen, fuhren Fahrrad, malten Landschaftsbilder (Ölfarben in Tuben machten es möglich). Die weniger Begüterten trafen sich auf einen Schwatz, zum Wäschewaschen, Brot backen oder um sich gegenseitig die Haare zu machen.

Bauknecht weiß, was Frauen wünschen.

Nach dem zweiten Weltkrieg und während der folgenden fünf Jahrzehnte wusste Bauknecht was Frauen wünschen und beschenkte sie großzügig: Die Waschmaschine ersetzte das Gemeinschaftserlebnis Wäschewaschen und Waschmittelwerbung sorgte dafür, die eigene Wäsche weißer sein zu lassen und mit den Freundinnen in Konkurrenz zu treten. Frauen waren nun wieder ans Haus gefesselt, denn wenn eine Frau arbeitete, musste sich ihr Mann nachsagen lassen, dass er nicht genug Bares nach Hause brachte. Gegen Einsamkeitsgefühle nahm das TV-Gerät Einzug in die gute Stube. Oben drauf ein Häkeldeckchen und ein Strauß Blumen. Und wenn das nicht half, gabs Frauengold…

Der Körper muss „runterschlucken“, was ungedeihlich ist.

Frauengold war ein frei verkäufliches Getränk, das ab 1953 vom als Stärkungsmittel rezeptfrei in Drogerien, Apotheken und Reformhäusern angeboten wurde.
Es handelte sich um ein Herz-Kreislauf-Tonikum, für das gezielt mit seiner beruhigenden und stimmungshebenden Wirkung geworben wurde. Hauptwirkstoff war Alkohol mit mindestens 16,5 Volumenprozent. 1981 wurde Frauengold vom Bundesgesundheitsministerium verboten, weil es krebsfördernde und nierenschädigende Wirkstoffe enthielt. Aus Wikipedia

Derlei wurde gerne als „kleine Flucht“ verniedlicht. Für mich steht der Griff nach Seelentrost jedoch für die Resignation einer ganzen Generation von Frauen. Dass dies sowohl monetäre wie körperliche Auswirkung auf uns hat, kannst du in Artikel Wohlstand lesen.

Während in Deutschland für die Werbebranche goldenen Zeiten kamen, in denen sie Frauen suggerierten, was sie benötigen, um „schwere Tage zu überstehen“, wurde auf Kuba die Sklaverei abgeschafft und die Zuckerbarone von der Insel gejagt. Der Kommunismus hielt Einzug und hielt die Insel bis heute frei von Werbung. Keine Plakatwerbung hielt die Frauen dazu an, die Wäsche weißer zu waschen und auch der Schlankheitswahn blieb den Kubanern erspart, da sie sich nicht mit Models in Idealmaßen vergleichen konnten oder mussten. Sie arbeiten und feiern und tanzen gemeinsam und richten es sich ein. Statt in dir Röhre zu kucken, bemalen sie ihre Autos in Bonbonfarben und feiern mit Cuba Libre oder Mochito.

Selbstbestimmung und Freiheit?

Seit 1958 durften Frauen in Deutschland ohne Erlaubnis ihres Ehemannes arbeiten, aber noch bis 1977 durfte eine Frau in Westdeutschland nur dann berufstätig sein, wenn das „mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar“ war. Heute leben mehr und mehr Frauen als Single oder allein erziehend und eine Frau, die „nur“ Hausfrau ist, gilt jetzt als Exotin. Bei vielen Businessfrauen läuft die Wäsche nebenher, der Alltag ist durchgetaktet: Fitness, Freizeit, Fortbildung, Familie – alles will geplant sein. Kaffee gibt’s to go.

Wenn die Lebendigkeit begraben ist…

„Heute geht es uns doch viel besser.“ Wahrscheinlich deshalb, weil Frauen jetzt arbeiten, denn wovon sollte unser Lebensstandard sonst finanziert werden. Nur auf den Schultern der Männer ist dies nicht mehr möglich. Die Verpflichtungen, wie die Versorgung von Kindern und Pflege der Eltern liegt nach wie vor meist bei den Frauen. Weißer als Weiß ist abgelöst durch Zweitwagen und Dritturlaub. Die Kaffeevollautomat hat der Waschmaschine den Rang abgelaufen und wandfüllenden Flachbildschirmen zieren keine Häkeldeckchen mehr. Braucht es auch nicht, denn wir haben sie längst verinnerlicht: Wenn Frauen sich über Generationen weg bescheiden und einschränken mussten, ist die Freiheit nicht im „arbeiten dürfen“ zu sehen, sondern darin, das Gemäßigtsein hinter uns zu lassen.

Sind Halbtagsjobs und Ich-AG’s die neuen Häkeldeckchen?

Wir sind uns einig: Häkeldeckchen sind kleinfuzzelig und aufwändig und sie bringen wenig ein. Die Beschäftigung damit bringt mit sich, dass Frauen sich über Häkelmuster austauschen, beäugen, wer mehr davon in weniger Zeit fabriziert oder größere oder billigere. Oder wer sich gar erdreistet richtig Geld dafür zu verlangen. Aber eigentlich wollen wir alle etwas anderes. Nur was? Lese dazu auch Erfolgsstrategie Zärtlichkeit.

Wie geht erfolgreich sein ohne Selbstaufgabe?

Wenn Frauen gefragt werden, was sie sich wünschen, sind viele ratlos und ungeübt.

Wenn du dich neu aufstellen willst – vergiss deinen Körper nicht.

Wir wollen mehr vom Leben, doch wie geht das? Wie geht Frau sein und bleiben – und mehr verdienen? Wie geht Sinnlichkeit? Wie geht ekstatisch sein? Vielleicht braucht es Nachhilfe, den Schatz in uns selbst zu finden? In Kuba gibt es mittlerweile Kurse für Sabrosura. Das ist die Art und Weise, wie sich Frauen dort seit jeher bewegen, da sie ohne Werbung aufgewachsen sind. Natürlich. Sexy. Unverschämt. Sie wissen um ihren Wert und verkörpern ihn. Schritt für Schritt. Sie sind körperverbunden in Arbeit und Freizeit und begraben ihre Lebendigkeit nicht.
Vielleicht hilft es, Kubanerinnen dabei zu beobachten, wie sie stolz und selbstverständlich durchs Leben gehen, den Blick nicht fokussiert auf Du-weißt-schon-was, sondern auf die Schönheit ihrer Insel.

Beschenke uns mit deinem Strahlen, statt dein Licht zu dimmen…

Wie wäre es, wenn wir unsere SINNlichkeit und unseren Körper als Ressource nutzen würden, statt ihn auszubeuten um zu funktionieren?

Es ist Zeit, dass wir unseren Wert erkennen und uns nicht länger vergleichen und uns verstecken. Dass wir, wenn wir mehr verdienen wollen, dies nicht damit erreichen, indem wir – bis zur Erschöpfung – in weniger Zeit mehr liefern oder Überstunden leisten – egal, ob angestellt oder selbständig. Es ist Zeit, dass wir den Schatz, den jede von uns zu bieten hat, nicht sorgsam unter einem Berg von Häkeldeckchen verbergen. Es ist Zeit, dass wir unsere Gaben anerkennen und gemeinsam etwas Neues kreieren.

Komm auf den roten Teppich

Wir Frauen haben so vieles erreicht. Wir sind großartig, intelligent, gewitzt. Es ist an der Zeit, dass jede von uns ihren roten Faden in die Hand nimmt um ihn mit den roten Fäden anderer Frauen zu einem wundervollen roten Teppich zu verweben. Einen roten Teppich, auf dem wir ausgelassen tanzen, das Leben feiern und unsere ureigeneren Schätze teilen.

Wenn wir auf dem roten Teppich stehen, feiern wir, wenn eine Sister sich unverschämt – etwas herausnimmt. Das herausnimmt, was nur sie zu geben hat und dies stolz und selbstbewusst anbietet.

Frauen auf dem roten Teppich ermutigen durch ihr Beispiel andere Frauen, „sich die Freiheit zu nehmen“ und sich zu zeigen. Wir erlauben uns etwas und statt uns dafür zu verurteilen, ehren, feiern und preisen wir uns. So wachsen wir gemeinsam.

Wie das geht? Durch Bewusstsein. Körperlichkeit. Tanz. Erleben und Feiern. Durch Wiederholung und Gemeinschaft. Durch Übung und Mut. Es geht, indem wir unserer Sehnsucht und unseren Wünschen Nahrung geben, statt uns zu betäuben. Vor allem aber braucht es eine Entscheidung. Einen entschiedenen Schritt.

Wenn dich das anspricht, dann trage dich in den Fußletter ein, denn schon bald gibt es mehr wertvollen Input für dich, wie du dich genüsslich in die Sichtbarkeit bewegen kannst. Wie du lernst, deinem Bauchgefühl zu folgen. Dich lebendig und magnetisch zu fühlen für das, was dir wichtig ist im Leben.

Alles Liebe

Birgit

6 Kommentare
  1. Lavinia Lazar sagte:

    Liebe Birgit,

    Vielen Dank für diesen Ausflug nach Kuba und in die westeuropäische Geschichte – und die Erkenntnis, wieviel Ballast wir Frauen seit über 100 Jahren mit uns schleppen.

    Es ist Zeit uns zu befreien, ja! Auf unverschämte Weise unseren intelligenten Körper zu bewohnen und uns auszudrücken! Es ist Zeit, auf den Tischen zu tanzen und die Menschen, die uns anschauen anzustrahlen mit unserer Lebensfreude und mit unserer Energie.

    Herzlichsten Dank für das bild des „ROTEN“ Teppichs, den wir Frauen gemeinsam weben können. Wenn wir uns trauen.

    Ganz liebe Grüße,
    Lavinia

    Antworten
    • Birgit Faschinger-Reitsam sagte:

      Liebe Lavinia,
      es ist wie in der Geschichte vom indischen Elefanten, der als Babyelefant mit einem dünnen Strick am Bein daran gehindert wurde, wegzulaufen. Und nun als großer Elefant bräuchte es nur einen Ruck, um in die Freiheit zu kommen. Aber der dünne Strick am Bein ist längst eine Fessel im Kopf. Und um diese zu sprengen, braucht es Bewusstsein und eine Entscheidung. So wie die Häkeldeckchen im Kopf zu erkennen und mit einem Schmunzeln und erhobenem Kopf auf den roten Teppich zu treten.
      Danke für deinen Kommentar. Liebe Grüße – Birgit

      Antworten
  2. Elke Kaiser sagte:

    Liebe Birgit,
    ich habe das große Glück, meine Kindheit in Kuba verbracht zu haben.
    Die vielen schönen Frauen dort, wie sie fast den ganzen Tag tanzen, obwohl sie scheinbar so wenig besitzen. Ja, so ist es.
    Danach, als junge Frau, habe ich in der DDR gelebt, und es war ganz selbstverständlich, dass Frauen arbeiten, und die Kinder den ganzen Tag betreut werden. Dass ich studiert habe, während mein Mann in 3 Schichten an der Maschine stand. Und ich manchmal mehr verdient habe, als er.
    Abhängig zu sein vom Geld des Mannes habe ich erst nach der deutschen Einheit kennenglernt. Das war wirklich blöd, aber auch lehrreich.
    Fazit: Meine Wertschätzung für mich ist die Voraussetzung für alles, wenn was Gutes folgen soll.
    Und den Körper wieder mehr einzubeziehen, scheint mir aktuell auch wichtig. Es kommen so Signale …;)
    Hoffentlich dürfen wir bald wieder tanzen gehen.
    Danke für Deine Zeilen!
    Herzliche Grüße
    Elke

    Antworten
    • Birgit Faschinger-Reitsam sagte:

      Liebe Elke,
      das freut mich, dass du hier etwas beisteuerst aus deiner Sicht. Wir haben verinnerlicht, dass wir nur dann etwas zum tanzen/lachen haben, wenn es uns (finanziell) gut geht. Dass dies keine Voraussetzung sein muss, sehen wir bei den selbstbewussten Frauen in Kuba.
      Danke für deinen Kommentar.

      Antworten

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